Angehörige machen Geschichte(n) – „Wenn die Stimmen die Macht übernehmen“

„Wenn die Stimmen die Macht übernehmen“: der (viel zu lange) Leidensweg unseres Sohnes – und auch für seine Familie

Er war für sich auf einem guten Weg: trotz diagnostizierter Autismusspektrumsstörung, Legasthenie und Dyskalkulie war unser Sohn immer sehr motiviert – wollte „sein wie die anderen“, dazugehören, Freunde haben, eine Ausbildung und den Führerschein machen, selbstständig Leben und Arbeiten. Das war sein Plan, es war ihm immer wichtig. Er konnte nur schwer akzeptieren, dass sein Weg über Förderschulen, Berufsschule für junge Menschen mit Defiziten, anschließend eine weitere Berufsqualizierungsmassnahme führte. Kein Führerschein möglich war. Die Ausbildung – endlich durfte er – konnte er nur mit großer Mühe und durch unsere Unterstützung abschließen, sich erkämpfen. Doch er wurde aufgrund der Defizite im Anschluss nicht übernommen. Ein Tiefschlag für ihn, ein Schmerz. Unverständnis. Auch für uns Eltern. Inklusion? – nein, das geht bei uns nicht. Dann ein neuer Versuch in diesem Bereich, eine neue Arbeitsstelle. Noch immer war er hochmotiviert. Er wollte doch so gerne!!! Man zeigte sich begeistert von seinem Einsatz, seinem Tatendrang. Doch auch hier fielen die Defizite zu schwer ins Gewicht und eine Übernahme nach der Probezeit wurde verweigert. Zu viele Steine im Weg, die das Lernen erschwerten, die die Konzentration einschränkten. Fehler passierten. Inklusion? – ähh, nein, das kann unser Betrieb nicht leisten…

Abweisung. Verletzungen. Enttäuschungen. Fehlende Anerkennung, fehlende Freundschaften. Fehlendes ALLES. Unser Sohn wurde psychisch krank, sehr krank. Er suchte die Schuld an allem in mir, seiner Mutter. Ich war es, die ihm „sein Leben vermurkst hatte“ – so sagt er. Skurrile Vorwürfe, die mich, die ich immer für und mit ihm gekämpft und gelitten hatte, ihn von ganzem Herzen liebte, sehr verletzten. Die er rundum in vielen Häusern verbreitete. Denn ich wollte nämlich, dass er auf eine Förderschule ging, nur um zu verhindern, dass er mit den anderen aus unserem Ort Freundschaft schließen konnte. Ich wollte, dass er am Nachmittag eine Heilpädagogische Tagesstätte besuchte, um ihn loszuwerden. Ich habe einen Behindertenausweis für ihn ausstellen lassen, um ihn zu demütigen. Ich habe ihn als Kind misshandelt, habe ihn als Baby mehrfach an die Wand geworfen. Ich habe ihn nie gewollt. Wegen mir verlor er seine Arbeitsplätze, weil ich das den Betrieben vorschlug. Ich habe alles Gute in seinem Leben bewusst verhindert. Doch nun habe er mich durchschaut, sagte er, er wisse nun Bescheid. Und wie sehr er mich hasst, auch das hörte ich täglich. Er verfolgte jeden meiner Schritte im Haus, mit starrer Mimik und leeren Augen beobachtete er alles, was ich tat. Ständig auf der Suche nach Beweisen. Lauschte jedem Telefonat, jedem Gespräch. Ich war der Feind und der Feind hatte mittlerweile Angst vor ihm, schloss sich nachts ein. Unser Sohn bettelte im Ort um etwas Essbares, denn zuhause mischte ich Gift in sein Essen. Seine Geburtstagsgeschenke warf er aus dem Fenster. Sein Gesicht war von der Krankheit gezeichnet, sein immer weniger werdender Körper stets in Anspannung. Die Entwicklung spitzte sich weiter zu, nichts war mehr planbar, unser Familiensystem völlig zersprengt. Der Wahnsinn lebte unter uns. Meine Hilferufe beim Sozialpsychiatrischen Dienst, der Lebenshilfe, dem Landratsamt, der Polizei und selbst beim Bezirkskrankenhaus blieben erfolglos. Überall der gleiche Tenor: so lange keine Eigen- oder Fremdgefährdung vorliege, könne man nicht handeln. Ja. Doch wo beginnt diese? Für uns lebte die Gefährdung seit Monaten unter uns. Nein, er ist nicht krank. Seine Mutter ist es.

Eine Tante schaffte es schließlich unter geduldig-großer Anstrengung, unseren Sohn von einer medizinischen Behandlung zu überzeugen und brachte ihn ins Bezirkskrankenhaus. Diagnose Psychose, Verdacht auf Schizophrenie. Nach vier Wochen Behandlung kam unser Sohn langsam wieder in sich zurück, er suchte Kontakt zu uns und vertraute mir wieder. Ich war so glücklich darüber. Er schaute mich an wie mein Sohn, es gab keine hässliche Maske mehr. Nach drei Monaten Klinikaufenthalt wurde er spontan entlassen. Mit der Aussage „mehr bezahlt die Krankenkasse nicht und wir sind ja schließlich kein Sozialamt“ wurde diese fahrlässige Entscheidung getroffen. Wir hatten intensiv darauf hingewiesen, dass wir unseren Sohn noch nicht stabil wahrnehmen. Und wurden nicht gehört. Ohne Medikamente kam er zurück in eine Familie, die keine mehr war. Nach zwei für mich enorm anstrengenden Monate, in denen ich stets versuchte, mögliche Eskalationen zu vermeiden, freute er sich auf den Umzug in eine Therapeutische Wohngemeinschaft. Und wir freuten uns mit ihm. So sehr. Nun, so hofften wir, wird er Freundschaften schließen können und auf einem gesunden Weg in ein selbstständiges Leben finden. Bei jedem Besuch lachten wir beide viel miteinander, er erzählte mir stets mit strahlenden Augen von seinen Erlebnissen, von seinen Plänen, von sich. Doch sein Leben überlegte es sich anders: die Psychose kam sehr schnell zurück, mit voller Wucht. Wir hatten einen Besuch vereinbart und so stand ich in seinem WG-Zimmer – und wurde nach nur zehn Minuten verbal aggressiv rausgeworfen. Das war nicht mein Sohn, der mir den Hass entgegenschleuderte. Es war eine psychoseverzerrte Maske. Eine Figur, deren demütigendes, verletzenden Handeln von einer schrecklichen Krankheit gesteuert wurde. Wo war mein Sohn? Irgendwo in ihr, traurig zusammengekauert und bitterlich weinend. Er brach erneut den Kontakt zu uns ab, denn ich war ja wieder schuld an allem. Die wenigen Anrufe bei mir waren erneut voller Vorwürfe, voller Hass. Es gab auch wenige Aufeinandertreffen mit klaren Phasen, in denen unser Sohn sichtbar war. In denen ich innerhalb von Sekunden jedoch die Wesensänderung beobachtete. Schlagartig verspannte sich der Körper, die Mimik verzerrte, die Augen starrten und der Ton wurde laut und hässlich. Er benötigte dringend medizinische Hilfe.

„Ihr Sohn ist bei uns“ – ein Anruf der Polizei früh um 4.30 Uhr. „Nein, er möchte nicht, dass Sie ihn abholen. Wir lassen ihn nun gehen.“ Bei minus 20 Grad Kälte war er irgendwo unterwegs. Da erneut keine Krankheitseinsicht gegeben war, befand er sich zunehmend in großer Gefahr. Wir wussten oft tagelang nicht, ob er überhaupt noch lebte. Ihm wurde die WG gekündigt, da er nicht mehr an der Maßnahme teilnahm. Er stand vor der Entmündigung, da er aufgrund seiner Dyskalkulie nicht mit seinem Geld umgehen konnte, sich jedoch Psychose bedingt nicht mehr dabei helfen ließ. Er war kaum noch greifbar, nicht mehr erreichbar. Ich hatte große Angst um ihn – und auch um mich. Eine „Abgrenzung“ war mir nicht möglich, da ich fast täglich frequentiert wurde. Ich war Ansprechpartnerin für die WG, für die gesetzliche Betreuerin, für die Polizei. Einmal waren sie bei uns und brachten unseren Sohn gewaltsam ins BKH. Seine Schreie werde ich nie vergessen. „Warum hilfst Du Deinem Sohn nicht, warum lässt Du das zu? Das ist ja schrecklich!!“ – ein Anruf unserer Nachbarin währenddessen. Am nächsten Morgen wurde er aus dem Krankenhaus entlassen. Wir mussten hilflos mitansehen, wie die Wahnvorstellungen, die von ihm vernommenen Stimmen und deren Anweisungen, wie die Krankheit das Leben unseres Sohnes zerstörte. Und konnten nichts bewirken. Wie war das mit Eigen- und Fremdgefährdung?? Für uns lag monatelang offensichtlich Eigengefährdung vor!! – und auch Fremdgefährdung im Hinblick auf uns selbst.

Dann kam der Abend, an dem ich ihm vom Bahnhof abholen sollte. Doch er stieg nicht aus dem Zug. Nun, dann ist er vielleicht doch eine Station früher ausgestiegen und läuft lieber, um mich nicht sehen zu müssen. So meine Gedanken, nach den vielen Erfahrungen in dieser Richtung. Am nächsten Morgen begleitete mich meine Tochter zur Polizei und gemeinsam meldeten wir ihn als vermisst. Die Fahndung begann und somit eine filmreife Dynamik in einem unvorstellbaren emotionalen Ausmaß. Da sein Handy im nahen Umfeld eines Sees geortet wurde, kamen zusätzlich zur Polizei auch Taucher des Technischen Hilfswerks, die Wasserwacht, Feuerwehren, Hubschrauber, Drohnen und Hundestaffel zum Einsatz. Zwei Tage und zwei schlaflose Nächte vergingen, bis unser Sohn hochpsychotisch im Wald gefunden wurde. Und nun endlich wegen Eigengefährdung auf richterlichem Beschluss die medizinische Hilfe bekam, die er seit (zu) langer Zeit schon dringend brauchte.

Fünf Monate lang war unser Sohn erneut stationär. Diagnose Schizophrenie. Mit Medikamenten eingestellt ist er nach dem Klinikaufenthalt nun in einer Übergangseinrichtung für junge Menschen, die psychisch erkrankt sind. Mit einem Konzept, dass Schutz und gleichzeitig Entwicklung ermöglicht. Er kommt nun zur Ruhe, findet Struktur, ist dort angekommen, es geht ihm gut. Wir wünschen ihm von ganzem Herzen, dass er durch diese Maßnahme in ganz kleinen Schritten ins Leben zurückfindet, trotz Krankheit stabil genug dafür und freundlich-wohlwollend behandelt wird.

Der lange Leidensweg unseres Sohnes ist auch unser Leidensweg. Wie alle Eltern erhofften auch wir für unsere Kinder eine glückliche Zukunft, einen gesunden Weg in ein selbstständiges Leben. Doch diese Krankheit merzte all unser Hoffen und Wünschen grob aus. Die langfristige enorme Angst um unseren Sohn, die schmerzhafte Hilflosigkeit, die Überforderung und auch das Gefühl, damit allein gelassen zu werden veränderte uns. Es gab Tage, an denen ich mich in Gedanken am Grab meines Sohnes stehen sah und Erleichterung verspürte. Und ich gebe ehrlich zu, dass ich nicht wie viele andere jubelte, als die Fahndung nach ihm Erfolg zeigte und er lebend gefunden wurde. Mein bis dahin erhöhter Adrenalinspiegel wich innerhalb von Sekunden einer enormen Erschöpfung. Es gab für uns keine Pause. Ein kurzes Aufatmen, ja. Jedoch kein Durchatmen.

„Ich war da nicht ich“, sagte er mal zu mir, rückblickend auf seine Krankheitsphase, und dass es ihm leid tut, was passierte. Er wirkte beschämt. Doch wir wissen, und das sage ich ihm auch immer wieder, dass nicht er es war, der so handelte. Dass es die Krankheit war, die Macht über ihn hatte. Eine Psychose ist ein Schutzmechanismus: wenn die Realität zu schmerzhaft wird, die Widersprüche zwischen der inneren und äußeren Welt nicht mehr zuordenbar, Gefühle nicht mehr aushaltbar sind. Wenn der Bezug zur Realität verloren geht, sich die Wahrnehmungen verändern. Wenn nur noch Misstrauen und Ängste gefühlt werden. Wenn die Kommunikation schwierig bis nicht mehr möglich wird, gesprochene Sätze sich in ihren Themen verlieren, unvollendet abbrechen, weil der rote Faden nicht mehr sichtbar ist.

Wäre die Geschichte eine andere gewesen, wenn die Gesellschaft mehr Empathie für unseren Sohn und damit für Menschen mit Defiziten gezeigt hätte? Wenn Inklusion nicht nur ein inhaltloses Wort wäre? Ich fühle Wut in mir, ja.

Ein gebrochenes Bein sieht jeder.

Eine gebrochene Seele nicht.

von Martina

Diese Geschichte wurde uns im Rahmen der bundesweiten Aktion „Angehörige machen Geschichte(n)“ zugesandt.

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